Das älteste Stück "Kirche", was wir in Diepholz haben, ist kein Gebäude, sondern ein Abendmahlskelch. Der gotische Kelch der St. Nicolaikirche stammt aus der ersten Kirche, die in Diepholz um 1445 erbaut worden ist. Am Fuß des Kelches unterhalb eines Wulstes (Nodus) sind Apostelfiguren und ein kleiner Christus am Kreuz zu sehen. Daran soll erinnert werden beim Trinken aus dem Kelch, an Jesus, den Gekreuzigten und die Gemeinschaft der Christen von den Aposteln angefangen bis hin zur Generation derer, die jetzt aus diesem Kelch trinkt. Es ist das beeindruckend, sich zu vergegenwärtigen, dass dieser Kelch seit 18 Generationen in Gebrauch ist und schon die Diepholzer Grafen daraus getrunken haben.

Der Hauptkelch der Michaeliskirche wurde zusammen mit dem Altarkreuz, den Altarleuchtern und den übrigen Abendmahlsgeräten als Gesamtkunstwerk geschaffen vom Goldschmied und Schmuckkünstler Hermann Jünger aus München. Als er 1963 den Kelch für die Michaeliskirche schuf, war er bereits ein angesehener Nachwuchskünstler. Im Laufe des nächsten Jahrzehnts wurde er zu einem der international renommiertesten Vertreter seines Metiers. Von 1972 bis 1990 leitete er als Professor an der Akademie der Bildenden Künste München die Gold- und Silberschmiedeklasse und machte München zu einem internationalen Zentrum der zeitgenössischen Schmuck-Avantgarde. Er starb am 6. Februar 2005 im Alter von 76 Jahren in München.

Der Fuß und die weit geöffnete Trinkschale dieses Kelches sind in klassisch-mittelalterlicher Form aus Silber getrieben. Der Nodus (Wulst) dagegen ist in Silber gegossen, mit Stichel, Meißel und Feile ziseliert und wie das Altarkreuz und die Leuchter mit Halbedelsteinen und Bergkristallen besetzt. Manche erinnert diese dekorative Form an Nägel oder die Dornenkrone. Andere sagen: "Das ist unpraktisch, der lässt sich so schwer greifen." In der Tat: Der Kelch fordert Achtsamkeit beim Anfassen und Begreifen. Er liegt nicht glatt in der Hand. Es braucht Übung. Aber das passt doch zu dem, worum es beim Abendmahl geht. Das haben wir auch nicht in der Hand, dass uns der Kelch zum "Kelch des Heils" wird, dass in uns und unter uns etwas heil wird. Auch das Abendmahl haben wir nicht fest im Griff. Das lässt sich nur langsam begreifen durch Achtsamkeit und Übung. Die Kelche sind eine kostbare Hilfe dabei.